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Grounded Theory

Eine besonders breit angelegte und fruchtbare heuristische Strategie der Strukturierung nicht-numerischer (und auch numerischer) Informationen wurde von den Soziologen unter dem Namen Grounded Theory (in Daten begründete Theoriebildung) als eigenständige Methodologie ausgearbeitet. Inzwischen ist die Grounded Theory weltweit eine der verbreitetsten Strategien der qualitativen Sozialforschung, die sich ebenso in der Grundlagen- wie Praxisforschung bewährt hat. Grounded Theory ist keine Einzelmethode, sondern ein dialogischer Forschungsstil. Gleichzeitig umfaßt sie ein abgestimmtes Arsenal von Einzeltechniken, mit deren Hilfe aus Interviews, Feldbeobachtungen, Dokumenten und Statistiken schrittweise eine in Daten begründete ("grounded") Theorie bzw. ein Modell entwickelt werden kann:

  • Dialog- und Prozeßcharakter : Der Forscher beginnt nicht mit theoretisch abgeleiteten Hypothesen über seinen Gegenstand, sondern er nutzt seine Annahmen und Vorkenntnisse in Form "sensibilisierender Konzepte", die ihm helfen sollen, seine Wahrnehmung zu strukturieren. Durch sukzessive gezielte Datenerhebung im Verlauf des Prozesses werden vorläufige Konzepte schrittweise präzisiert. Das erfordert in allen Stadien ein Pendeln zwischen Induktion und Deduktion, Datenerhebung und Dateninterpretation, bis schließlich ein "datenverankertes Modell" Gestalt annimmt.
  • Vielfalt der Erhebungsmethoden Im Forschungsprozeß wird entschieden, welche Erhebungsmethoden der jeweiligen Fragestellung angemessen sind: Alltags- und Fachwissen der Forscher, schon vorliegende Dokumente, Statistiken, Beobachtungsprotokolle, Interviews, Gruppendiskussionen, Bildmaterial und Feldexperimente.
  • Theoriegeleitete Erhebung (Theoretical Sampling): Aus der sich entwickelnden Theorie werden Gesichtspunkte für die gezielte Erhebung weiterer Daten abgeleitet. Zufallsstichproben werden ersetzt durch gezielte Erfassung möglichst unterschiedlicher Phänomene und Fälle. So wird sichergestellt, daß die untersuchten Phänomene in ihrer ganzen Vielfalt - einschließlich atypischer Fälle - in den Daten repräsentiert sind.
  • Sättigungsprinzip : Datenerhebung und Interpretationsarbeit werden so lange fortgesetzt, bis keine neuen Gesichtspunkte mehr auftauchen. Es handelt sich hier um ein pragmatisches Abbruchkriterium: Die angestrebte Präzision muß von der Fragestellung und vom jeweils vertretbaren Forschungsaufwand abhängig gemacht werden. Durch Theoretical Sampling und Sättigungsprinzip wird die ökologische Validität der Ergebnisse abgesichert.
  • Theoretisches Kodieren : Kernstück der Methode bildet das theoretische Kodieren, eine zugleich systematische und kreative Methode der Textinterpretation bzw. Wissensstrukturierung durch Sinnverstehen. Die zu untersuchenden Phänomene werden in den Daten als Indikatoren "eingefangen" (z.B. Interviewpassagen oder auch Statistiken, die sich auf ein bestimmtes soziales Ereignis beziehen) und mit Hilfe des theoretischen Kodierens "auf den Begriff gebracht" (Phänomen - Indikator - Konzept - Modell). Durch Kodieren werden einer Textstelle - dem Indikator - ein oder mehrere Kodes (Begriffe, Stichwörter, Konzepte) zugeordnet. Jeder Kode verweist über die zugeordneten Textstellen auf Phänomene des untersuchten Gegenstandsbereichs. Während des Kodierens hält der Interpret seine Einfälle und Überlegungen zu den Kodes und zur sich entwickelnden Theorie fortlaufend in Memos fest. Es ist wichtig, nicht auf deskriptiver Ebene stehen zu bleiben: Der vordergründige Inhalt wird vielmehr durch theoriegenerierende Fragen zum untersuchten Phänomene "aufgebrochen" (was, wer, wie, weswegen, wozu?).
  • Theorie bzw. Modell als Begriffsnetz : Bei Fortschreiten der Theorieentwicklung werden nicht nur Kodes (Konzepte) aus den Daten abgeleitet. Die Konzepte werden miteinander verknüpft und zu übergeordneten Kategorien zusammengefaßt. So schälen sich allmählich die zentralen Kategorien heraus, und es entsteht eine Theorie als Begriffsnetz. In Analogie zur theoretischen Physik, wo "Protokollsätze" und "Theoriesprache" unterschieden werden, sind die Konzepte der Theorie in einer überprüfbaren Folge von Interpretationsschritten aus Textstellen abgeleitet und so in den Daten verankert. Formal entsprechen die als Modelle erzeugten Begriffsnetze der Struktur von Hypertexten. Der Unterschied besteht in der empirischen Verankerung und der inhaltlichen und logischen Konsistenz der Knoten und Kanten des erzeugten Begriffsnetzes: Im Vergleich zu einem Hypertext wie etwa dem Internet mit assoziativen und bestenfalls hierarchischen Verknüpfungen zur Wissensrecherche, beanspruchen Theorien oder Modelle mit ihren Knoten (Konzepten) und Kanten (inhaltlich definierten Relationen) eine handlungsleitende Erklärungsmächtigkeit.
Die Grounded Theory hat in soziologischen, psychologischen und gesundheitswissenschaftlichen Forschungsprojekten ihre Bewährungsprobe als praktikable und ökonomische Forschungsstrategie vielfach bestanden. Auch in der Informatik wird die Grounded Theory u.a. zur systematischen Auswertung von Experteninterviews bei der Softwareentwicklung eingesetzt.



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